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Bild: Stefan Teepker

Moderne Landwirtschaft und weltweite Nahrungssicherheit:

Innovative Lösungen brauchen Weitsicht.

Nachhaltigkeit hat viele Gesichter – ebenso wie die Definition einer zeitgemäßen und gleichsam verantwortungsvollen Landwirtschaft. Als Bank mit Fokus im Agrar- und Lebensmittelbereich machen auch wir diese Erfahrung, wenn es darum geht, Projekte für eine gesicherte, zukünftige Versorgung zu unterstützen. Denn oft kollidieren zukunftsweisende Lösungsansätze mit Vorurteilen und Klischees. Aurelia Moniak, Mitarbeiterin beim „Forum Moderne Landwirtschaft“, absolvierte deshalb ein Praktikum im Hühnerstall eines landwirtschaftlichen Großbetriebs, um ihre eigenen Vorstellungen in Sachen Intensivtierhaltung zu hinterfragen.

Toll, finden wir! Nicht nur, weil die Rabobank ebenfalls Mitglied in diesem Forum ist, sondern vor allem, da Aurelia Moniak als überzeugte Verganerin damit ihre persönliche Haltung auf eine ganz besondere Probe stellen musste. Welche Eindrücke sie dabei gewonnen und wie ihr „Gastgeber“ Stefan Tepker ihre Praktikumszeit erlebt hat, hat das Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben im nachfolgenden Interview zusammengefasst.

Frau Moniak, Sie wollen mit Ihrer Arbeit Menschen in den Städten die moderne Landwirtschaft näherbringen. Wie passt das mit Ihrer veganen Lebensweise zusammen?

Die Ziele des Forums stehen für mich in keinem Widerspruch zu meiner persönlichen Entscheidung, mich vegan zu ernähren. Die moderne Landwirtschaft ermöglicht mir meinen veganen Lebensstil genauso wie anderen Menschen die omnivore Ernährung.

Wie kam es zum Praktikum auf dem Hof Teepker und welche Erwartungen hatten Sie daran?

Ich komme aus Berlin und war schon oft für Fotoshootings auf unterschiedlichen Betrieben zu Gast. Mitgearbeitet habe ich aber nur auf sehr kleinen Höfen im Rahmen eines Auslandsaufenthalts. Es war schon länger mein Wunsch, einen Einblick in das Hofleben auf einem großen Betrieb zu bekommen – und darüber hinaus auch in das Leben der Landwirte, ihrer Familien und Mitarbeiter.

Stefan Teepker ist für mich der Inbegriff des modernen Landwirts. Ich habe ihn im Vorfeld des Praktikums mehrfach getroffen und ihn dabei als sehr offen, angenehm und reflektiert wahrgenommen. Deshalb habe ich bei ihm angefragt. Er hat sich vor Ort viel Zeit für mich genommen.

Bild: Aurelia Moniak

Herr Teepker, eine Ve­ganerin, die bei Ihnen im Stall arbeiten möchte – haben Sie bei der Anfrage zuerst gezögert?

Praktika unterstützen wir gerne. Frau Moniak hat ja angefragt, weil sie für die Landwirte arbeitet, daher fand ich das total gut. Als ich erfuhr, dass sie Veganerin ist, bin ich innerlich kurz einen Moment zurückgegangen. Aber wenn sie das von sich aus möchte, wo ist das Problem für mich? Sie selbst hat damit ja einen großen Schritt gemacht. Zwar habe ich überlegt, ob das kritisch werden kann, aber sie kam ja nicht, um Krawall zu machen.

Welchen Eindruck hatten Sie von der jungen Frau und hat sich dieser im Laufe der Zeit gewandelt?

Ich war zuerst stutzig, warum sie mit dieser Einstellung beim Forum arbeitet. Aber das entscheidet ja nicht darüber, ob sie ihre Arbeit gut macht. Die Mission des Forums lautet ja, den Städtern Landwirtschaft näherzubringen. Dabei muss man eine andere Sprache sprechen als wir Landwirte. Es ist gut, wenn Frau Moniak weiß, was im Stall passiert. Sie hat ja auch bei uns gewohnt und gegessen. Das hat natürlich immer einen interessanten Austausch gegeben. Ich habe Frau Moniak als sehr offen kennengelernt. Dass sie mit in den Stall geht, habe ich jedoch anfangs nicht erwartet. Es ist ja ein Unterschied, ob ich nur eine Führung bekomme oder selbst mitarbeite. Auf jeden Fall war sie jeden Abend k. o., das ist ja auch eine Erfahrung.

Bild: Stefan Teepker

Frau Moniak, was war Ihr erster Eindruck beim Betreten des Hähnchenstalles?

Das war für mich schon besonders, da ich plötzlich sehr vielen Tieren in einem geschlossenen Raum gegenüberstand. Geruch, Temperatur und Geräuschpegel der damals 20 Tage alten Tiere waren anfangs etwas überwältigend.

Gab es eine Tätigkeit, zu der Sie sich überwinden mussten?

Nein. Herr Teepker hat mir gezeigt, wie die Tierkontrolle abläuft. Zusammen mit einem Mitarbeiter habe ich tote Hähnchen aus dem Stall geholt und solche, die mir nicht fit erschienen, eingesammelt. Um ganz sicherzugehen, wurden diese Tiere nochmal von einer zweiten Person kontrolliert. Ich selbst habe aber keine Hähnchen getötet.

Kamen Sie irgendwann an einen Punkt, an dem Sie aufhören wollten?

Nein. Stefan Teepker und ich haben uns ehrlich und offen über seine Arbeit unterhalten. Er hat mich gefragt, ob es Dinge gibt, die ich machen möchte oder eben nicht. Dazu gehörte auch ein Besuch des Schlachthofes. Natürlich habe ich mir auch diesen Prozess angeschaut, denn genau wegen dieser intensiven Eindrücke habe ich das Praktikum gemacht.

Herr Teepker, Frau Moniak hat auf Instagram über ihr Praktikum berichtet. Haben Sie ihr diesbezüglich Beschränkungen auferlegt?

Nein, überhaupt nicht. Wir haben ja in unserer Kiek-in-Box auch immer Besucher am Hähnchenstall. Es wäre schlimm, wenn wir gewisse Dinge nicht zeigen dürften.

Haben Sie durch die Mitarbeit von Frau Moniak einen neuen Blick auf Ihr tägliches Tun erhalten?

Mit Abstand bin ich doch etwas ins Nachdenken gekommen. Wir haben viel diskutiert und ich habe vor Augen geführt bekommen, wo überall tierische Produkte drinstecken. Wir Landwirte betreuen unsere Tiere nach sachlich und fachlich richtigen Grundlagen. Die emotionale Ebene blenden wir aus. Vielleicht sind wir sogar ein Stück weit abgestumpft. Das Nottöten von Küken zum Beispiel. Frau Moniak mochte lebende Küken nicht zu den bereits toten in einen Eimer legen, weil die das ihrer Ansicht nach als Bedrohung empfinden. Ich gehe davon aus, dass die Küken das nicht so realisieren. Da treffen schon Welten aufeinander. Dies ist auch der schwierigste Teil der Öffentlichkeitsarbeit. Vielleicht auch, weil es da die größten Missstände gibt.

Hühnerzucht
Schweinezucht

Frau Moniak, was läuft Ihrer Meinung nach gut in den Ställen und wo gilt es nachzubessern?

Ich habe gemerkt, dass es für die meisten Dinge, die mir als Außenstehende nicht so schön erscheinen, durchaus Gründe gibt. Die Landwirtschaft ist vollgepackt mit Zielkonflikten. Ich denke, dass die Hähnchenmast sehr effizient ist und damit auch auf vielen Ebenen sehr nachhaltig. Noch nachhaltiger wäre es wohl, wenn Menschen weniger tierische Produkte essen würden.

Herr Teepker, würden Sie wieder eine Veganerin als Mitarbeiterin auf dem Hof begrüßen?

Ja, ich kann das jedem nur empfehlen. Wir als Landwirte müssen aktiv auf unser Umfeld zugehen. Wir hatten schon mehrere Leute aus dem vor- und nachgelagerten Bereich zu Tages- oder Wochenpraktika bei uns. Das hat immer für ein neues Verständnis von moderner Landwirtschaft gesorgt.

Frau Moniak, hat das Praktikum Ihre Einstellung zur modernen Tierhaltung verändert?

Ich hatte die Haltungsbedingungen bereits recht realistisch eingeschätzt. So gesehen hat sich meine Einstellung nicht wirklich geändert. Allerdings hat sich sehr viel in mir verändert. Die vielleicht größte Erkenntnis war, dass man – und auch ich – viel zu schnell urteilt. Oft wollen wir die komplexe Welt in klar definierte Kategorien ordnen. Verbraucher sagen dann gerne Sätze wie: „Massentierhaltung ist schlecht.“ Vor fünf Jahren hätte ich das vielleicht unterschrieben, aber mit meinem heutigen Wissen kann ich das nicht mehr. Die Behauptung ist pauschal und zu kurz gefasst.

Insgesamt habe ich sehr viel gelernt und mitgenommen. Für mich hat mein Praktikum bei Stefan Teepker verdeutlicht, dass es wundervoll und sehr bereichernd ist, wenn Menschen miteinander sprechen und nicht nur übereinander. Natürlich hat nicht jeder die Möglichkeit, so ein Praktikum zu machen, deshalb ist mir nochmal klar geworden, wie wichtig meine Arbeit beim Forum ist.

Und welche Reaktionen aus Ihrem Umfeld haben Sie auf das Praktikum erhalten?

In meinem privaten Umfeld waren die Reaktionen sehr gemischt. Einige Leute waren schockiert oder überrascht, andere begeistert. Aber alle waren sehr interessiert und haben mir viele Fragen gestellt. Auch jetzt kommen immer noch Fragen dazu oder ich höre, wie Freunde anderen Leuten von meiner Erfahrung berichten. Das zeigt mir, dass die Menschen in den Städten großes Interesse daran haben, wie ihre Lebensmittel produziert werden. Sie brauchen nur jemanden, der es ihnen erzählen kann.

Dieser Artikel ist am 17.09.2018 im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben erschienen.


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